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Ankündigung der Ausstellung "Leuchtwerk" in der Süddeutschen, 13.10.2018

 

 

Artikel im Münchner  Merkur vom 25.01.2018 über die Ausstellung "Freigeister"

 

Beobachtungen zu den Wachs-Collagen von Katja Gramann

von Dr. Barbara Rollmann-Borretty


Abbildung  ‚Fundstück‘

 

  Das Schwarz hält alles zusammen. In groben kantigen Balken umfängt es das Blau. Das Blau, das in ungleichmäßigen Feldern zwischen den Streifen schwebt, und das nicht nur EIN Blau ist. Vom dunklen Schimmer des Lapislazuli bis zum transparenten  Türkis des saubersten Meeres hat jedes Feld einen anderen Ton. Und dort, wo sie sich überlappen, tritt noch eine weitere Nuance in Erscheinung. Die Farbflächen sind nach keiner Regel gesetzt und könnten sich in ihrer Lockerheit ohne Weiteres verschieben. Wäre da nicht das unüberwindliche Schwarz. Und wäre da nicht der dichte, in mehrfach gebrochenem Weiß wie eine Paste aus Marzipan stehende Fond, der soliden Halt bietet.  Alles auf diesem Bild ist nach dem Gesetz der Dramaturgie arrangiert. Ein Spiel von Ästhetik und Ausdruck um das optimale Kräfteverhältnis, das dennoch aus der Leichtigkeit des Zufalls wirkt. Der Einsatz reiner Farbqualitäten unterstützt die Entfaltung der sinnlichen Gefühlswelt unmittelbar. Die völlige Abwesenheit des Gegenständlichen beflügelt eine elementare und kontrastreiche Bildsprache  – das war schon bei den großen Meistern des Informel zu lernen.           

Kein Bild ist wie das andere. Doch unsere Imagination kann jedes sowohl mit der kleinsten wie auch mit der größten Welt verknüpften. Da spielt es keine Rolle, in welchem Format eine Arbeit angelegt ist. Die Assoziationen pendeln zwischen Micro-Gebilden aus Kristallen über real existierende Gegenstände bis hin zu fiktiven Himmelslandschaften. Das kollektive Bewusstsein wird angeregt, sich zu erinnern. Die aussagestärksten Bilder sind mit dem Stilbegriff des Archaischen gut klassifiziert. Bei ihnen ist das Thema Stein und Kristall allgegenwärtig. Ein dominantes Element sind die großen Flächen kantiger Farb-Blöcke, die in vertikaler Position wie ein Felsmassiv in einer Urlandschaft stehen. Ähnliche Formationen lassen sich bei modernen Bühnenbildern beobachten, wenn sie für Dramen aus der Antike erdacht wurden.


Katja Gramann komponiert ihre Wachs-Collagen in einer sehr aufwändigen Technik. Die vielen Arbeitsgänge beginnen mit dem Aufbau des Fonds auf dem Bildträger. Beim Einfärben der Collage-Papiere, in der Regel Chinapapier, werden die aufgelösten Farbpigmente auf das gestapelte Papier aufgetragen, wobei sie bis in die untersten Lagen durchsickern – so ergeben sich von selbst verschiedene Sättigungen des Farbtons. Nach der Trocknung reißt die Künstlerin von Hand Stücke für die Bildgestaltung aus den Bögen. Ein Vorgang, bei dem sie sich vom Zufallsmuster der angebrachten Farbe leiten lässt. So entstehen die unregelmäßigen Felder, die für den Charakter der Collage so wichtig sind.

 
Nach dem Arrangieren und Fixieren werden die Papiere mehrmals sanft mit geschmolzenem Wachs überzogen. Es erfordert viel Feingefühl und Geduld, bis jener für die Wachstechnik so typisch transparente und doch hermetische Überzug erreicht ist. Das Ergebnis ist ein abstrakter Bildraum mit einer gewissen Tiefe, der Schicht um Schicht  aufgebaut ist. Dieser Tatsache bewusst, nimmt die Künstlerin bisweilen noch finale Eingriffe vor. So setzt sie Spuren in das abschließende Wachs, indem sie eine rudimentäre Zeichnung einritzt. Die Spalten werden dann mit Kohle aufgefüllt und so betont. 

 
Katja Gramann arbeitet erst seit wenigen Jahren in dieser Technik und hat dabei erstaunliches Gespür für die Materie mitgebracht. In der Vorgeschichte hatte sie viel in Aquarell gemalt. Es lassen sich da Parallelen bemerken: etwa der Aufbau in transparente Malschichten und auch das stilistische Mittel uneben überlappender Ränder, die beim Aquarell vom Pinselauftrag, bei der Collage vom Reißen herrühren. Allem voran fordern beide Techniken ein minutenschnelles Arbeiten, bei dem die Künstlerin entschieden und präzise ihrer Intuition folgen muss. Das Wachs mit seinen wechselnden Aggregatzuständen ist mehr als ein formbarer Stoff. Immer spielt bei der künstlerischen Arbeit seine kulturelle Bedeutung und Symbolkraft mit. Dazu hat Katja Gramann für sich eine überzeugende Bildsprache gefunden.

 

© 2017 Dr.Barbara Rollmann-Borretty 

 

 

Feingliedrige Gesten und tanzende Farben – die freie Malerei der Künstlerin Katja Gramann

von Dr. Ingrid Gardill

Die abstrakten, großformatigen Arbeiten aus den neuen Werkserien der Malerin Katja Gramann hinterlassen beim Betrachter einen starken Eindruck. Warum ist das so? Meines Erachtens rührt dies daher, weil es der Künstlerin nicht nur gelingt, ihre zumeist in Acryl angelegten kräftigen Farben regelrecht zum Leuchten zu bringen, sondern auch ihren Kompositionen zugleich eine außerordentliche Leichtigkeit zu verleihen. Diese erreicht sie durch die offene, filigrane und doch entschiedene Setzung der Formen.

Jene Formen tauchen aus den vielfachen Schichten der hell gehaltenen Hintergründe auf oder scheinen stellenweise hindurch. So entwickeln sich besondere Farbstimmungen und eine feine Transparenz. Auf dieses zarte Gewebe setzt Katja Gramann mit lebhaft kraftvoller Pinselführung punktuell leuchtende Akzente, zumeist in einer gezielten Kombination mit Schwarz. In der daraus hervorgehenden Spannung liegt die starke Energie verborgen, die der Betrachter bewusst oder unbewusst wahrnimmt und die zur Klärung der Eingangsfrage beiträgt.

Aber schauen wir uns die Vielfalt dieser lebhaften Gefüge genauer an. Es entsteht der Eindruck, als würden sie tanzen. Alles ist in Bewegung und steht zugleich miteinander in Verbindung, ist wild und doch klar. Anmutungen floraler Motive (Verwunschen, Zweiter Frühling, Zeitreise) können schließlich vollkommen abstrakt in reine Farbklänge übergehen. Dabei fügt die Künstlerin bisweilen lebendig geführte Linien ein, die, vergleichbar mit Taktstrichen, die Werke rhythmisieren. Sie geben den Formen und auch dem Auge des Betrachters Halt. Zugleich erscheinen sie geradezu wie Lebenslinien. Aber auch hiervon löst sich Katja Gramann von Zeit zu Zeit und lässt die Farbgefüge einfach wirken, indem sie ihnen durch Akzentuierungen (Seelensicht), den Durchblick auf einen Hintergrund (Leichter Mut), oder durch Erschließung eines Raums (Blickfang) eine große Tiefe verleiht.

Warum schließlich bringen Katja Gramanns durchlässige Bildgründe mit ihren feingliedrigen Gesten die Saiten des Betrachters so stark zum Klingen? Ähnlich wie bei den Wachsarbeiten eröffnet das wie aus einer anderen Welt kommende, etwas nebelige Durchscheinen einen Raum für Phantasien und Wünsche. Wir kennen diesen besonderen Raum oder Zustand aus eigener Erfahrung: Wenn wir von der Traumwelt in das Wachbewusstsein hinübergleiten und umgekehrt. Dieser Moment kann in nahezu allen Arbeiten der Künstlerin wiedergefunden werden. Katja Gramann hält ihn mit dem treffenden Begriff des Traumfängers fest.

  Indianische Traumfänger sind leichte, netzartige Objekte, durchgezogen von Federn, bunten Schnüren, Perlen und allerlei Schmuck. Über dem Schlafort aufgehängt, sollen nur die guten Träume durchschlüpfen können, während die vermeintlich schlechten abgehalten werden, um sich im Morgenlicht aufzulösen. Ein Werk der Künstlerin trägt den Titel Traumfänger. Es zeigt bewegte Linien und Farbfelder auf hellem Grund, der wiederum von Licht und Farbnuancen durchwirkt ist. Diesem „Gewebe“ verleiht die Malerin einen bewusst diffusen Anschein und erinnert uns damit an diesen besonderen Zustand zwischen Traumwelt und Wachbewusstsein.
"Traumfänger", Maße: 100x200x4cm, 2016

Gänzlich kommt dieses Prinzip in „Zündung“ zum Tragen, dem jüngsten Werk Katja Gramanns. Hier ist der durchlässige Grund bildprägend. Nur noch vereinzelt fügt die Malerin von zarten, schwarzen Linien umspielte Spuren in Neonorange und Pink in den oberen Bildbereich ein und lässt sie dort wie Feuerfunken tanzen.

Katja Gramanns überbordende Entdeckerfreude und ihre große Lust am freien Malen entfaltet sich in jüngerer Zeit zudem in weitere Arbeiten, in die sie ihre Farbakzente nahezu formatfüllend einbringt. Mit Pigmenten und einer Mischtechnik aus Rus, Sand, Asche, Papier, Kohle und weiteren Materialien, die delikate Strukturen auf der Bildoberfläche erzeugen, schafft sie helle (Archaisch) oder stark farbige (Stellungnahme, Rendezvous) Formationen, die sich fordernd in das Bild hinein schieben. Der Mut zur expandierenden, nahezu monochromen Farbe bei gleichzeitig sensibel angelegtem Hintergrund zeichnet diese starken Bilder aus.

Auch für jene Werkserie gilt das Prinzip des Traumfängers als ästhetisches Statement der Künstlerin: Die freie, abstrakte, letztlich informelle Malerei Katja Gramanns mündet in Arbeiten, die Vieles ansprechen. Doch ebenso wie beim Erwachen aus einem Traum lassen sich die Inhalte nie konkret und vollständig greifen. So können Sehnsüchte, Ideen, oder auch noch unbewusst Schlummerndes einfließen. Dies bietet jedem Betrachter die Möglichkeit, einen offenen und inspirierenden Dialog mit den faszinierenden Werken der Künstlerin zu führen.

© 2017 Dr. Ingrid Gardill

 

 Artikel im Münchner Merkur vom 23.10.2017 über die Ausstellung "Tapetenwechsel"

 

 

Die halbseitige Ankündigung der Ausstellung "Aus der Fülle schöpfen" in der Süddeutschen Zeitung, vom 7. März 2017, mit dem Gemälde "Pandora Reloaded I"

 

 

Artikel im Münchner Merkur (18.4.2016) über die Ausstellung "Schichtarbeiten"

 

 

Katja Gramann im Interview mit der Kunsthistorikerin Dr. Ines Kehl

Dr. Ines Kehl: Liebe Katja Gramann, wie hat denn alles angefangen, wie sind Sie zur Malerei gekommen?

Katja Gramann: Meine Eltern haben früh erkannt, dass ich gerne und viel male und haben mir mit 12 Jahren einen Aquarellkasten mit sieben Farben und dazugehörigem Kurs an der Volkshochschule geschenkt. Und da bin ich dann wöchentlich hingegangen - als einziges Kind unter lauter Senioren (lacht). Aber das war damals irgendwie egal –gewundert hatte sich niemand. Und ich habe mit meinem kleinen Kasten das Farbmischen gelernt – davon profitiere ich noch heute.  Erst als es mich nach dem Studium beruflich nach Berlin zog, habe ich dort in der Malschule des Künstlerpaars Jürgen Sage und Astrid Albers die großformatige Acrylmalerei kennengelernt, davor habe ich nur aquarelliert.

 

Dr. Ines Kehl: Wie prägend war denn die Berliner Zeit?

Katja Gramann: Berlin spricht jede Künstlerseele an, denn die Stadt ist so bunt und chaotisch, viel ist im Aufbruch, die Energie in der Luft ist fast greifbar und gleichzeitig ist alles recht entspannt – das ist ein grandioser Mix, der einfach dazu einlädt, kreativ zu arbeiten. In Berlin ist mir klargeworden, dass die Kunst ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens ist und sein wird. Viel dazu beigetragen hat der Unterricht in der Malschule von Astrid Albers und Jürgen Sage. Dort bin ich künstlerisch wunderbar begleitet worden. Durch die wöchentliche Auseinandersetzung mit beiden habe ich enorm viel gelernt. Auch nachdem ich lange schon in München war, wurde ich von ihnen via Telefon und Internet  betreut. Zu beiden Künstlern hatte und habe ich ein sehr großes Vertrauensverhältnis. Jürgen Sage ist leider verstorben und mit Astrid stehe ich im sporadischen Kontakt.

 

Dr. Ines Kehl:  Seit 2003 sind Sie in München. Dort ist es ja nicht so einfach, ein Atelier zu mieten, wo haben Sie gemalt bzw.  wo malen Sie heute? 

Katja Gramann: In München Pasing konnte ich quer über dem Hof eine alte, recht verfallene, ehemalige und kleine Schnapsbrennerei anmieten – für sehr wenig Geld. Da war es zwar furchtbar zugig und kalt, im Winter konnte ich nur mit Handschuhen malen, aber es war ein Raum nur für mich alleine. Und gerade weil es so schäbig war, konnte ich nach Herzenslust meine Farben auf die Leinwände schütten, ohne darüber nachzudenken, zu viel zu verschmutzen – für mich perfekt! Seit 2010 leben wir in Gräfelfing und ich kann im eigenen Werkraum im Haus arbeiten.

 

Dr. Ines Kehl: Haben Sie nie bereut, nicht doch Kunst an der Universität studiert zu haben?

Katja Gramann: Überlegt habe ich mir dies schon, aber damals mit 20 Jahren hatte ich noch nicht den Mut dazu, denn das Leben als Künstler ist ja in der Regel recht hart – die wenigsten können alleine von der Kunst leben und über Alternativen habe ich mir damals noch keine Gedanken gemacht.  Also habe ich mich für das Studium der Germanistik  und Geschichte entschieden – erschien mir damals weniger brotlos (lacht). Und jetzt bin ich ja der Mensch der ich bin durch alles was ich erlebt habe und mir widerfahren ist und dazu gehört auch das Unistudium in einer ganz anderen Disziplin. Insofern bereue ich meinen Werdegang nicht.

 

Dr. Ines Kehl: Aber Autodidakten haben es in der Kunst wesentlich schwerer als diplomierte Künstler, obwohl sie doch manchmal die kreativeren oder auch freieren Kunstschaffenden sind.

Katja Gramann: Das mit dem „schwerer haben“ ist natürlich richtig und ich kann ein Lied davon singen, denn wenn etwas mein Leben durchzieht, dann ist es das Dasein als Autodidakt. Zum Beispiel habe ich zwar Germanistik und Geschichte studiert, dann aber im Marketing und Produktmanagement gearbeitet, in jeder Firma in der ich tätig war, war ich die einzige Geisteswissenschaftlerin. Und als Produktmanager habe ich begonnen, zu fotografieren und großformatig zu malen und habe mich damit dann nach der Geburt meiner Kinder selbständig gemacht. Autodidakten bringen in der Regel sehr viel mit, denn sie haben ja neben dem was sie aktuell machen, noch ganz andere Dinge erlebt, getan und studiert. Und all dies, was da noch an Erfahrung mitschwingt, fließt ja irgendwo in das Wirken eines Künstlers mit ein. Von da aus, habe ich mit meinem Autodidaktentum kein Problem.

 

Dr. Ines Kehl: Und wie bilden Sie sich fort, machen Sie das auch alleine?

Katja Gramann: Vieles entsteht durch Ausprobieren. Und dann belege ich immer wieder Seminare an den freien Kunstakademien in Bad Reichenhall und Augsburg, um mich dort weiter zu entwickeln und neue Techniken zu erlernen. Gerade der Austausch mit der Künstlerin und Dozentin Andrea Rozorea hat mir künstlerisch unglaublich geholfen. Heute treffen wir uns oft zu zweit in Andreas Atelier in Augsburg, um zusammen zu malen. Das ist ganz toll!

 

Dr. Ines Kehl: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? Wie kommen Ihnen die Ideen für Ihre abstrakten Gemälde?

Katja: Künstler nehmen ja oft ihr Umfeld etwas anders war. Zum Beispiel kann ich mich daran erfreuen, wenn auf dem bereits leeren Salatteller der Rest des Rote-Beete-Safts in die dunkelbraune Balsamico-Vinaigrette läuft, dann denke ich mir „Was für ein Farbespiel, das probiere ich auch mal“, oder ich blinzele mit den Augen, so dass alles um mich herum leicht verschwimmt –dann wird alles nur noch Farbe und Form – und diese Abstraktion versuche ich dann wiederum malerisch umzusetzen.

 

Das Interview wurde im Februar 2016 geführt.